Warum offene Standards allein nicht ausreichen.
Kernaussagen
- Fehlende Interoperabilität ist eine reale Wechselbarriere — keine technische Detailfrage.
- Offene Standards allein erzeugen keine digitale Souveränität.
- Microsoft hält den ISO-Standard nicht vollständig ein, den sie selbst lobbyiert haben.
- Europa reguliert App Stores — aber nicht die Bürosoftware auf der seine Wirtschaft läuft.
Einordnung
Formale Standardisierung und praktische Interoperabilität sind zwei verschiedene Dinge. Europa hat beides verwechselt — mit strukturellen Konsequenzen für Wettbewerb, Wechselbarkeit und digitale Souveränität.
Rechtlich ⚖️ Der Digital Markets Act reguliert Gatekeeper. Microsoft Office erfüllt jeden quantitativen DMA-Schwellenwert — und wurde trotzdem nicht als Gatekeeper designiert.
Technisch 🔧 CalDAV, CardDAV und IMAP sind offene Standards seit Jahrzehnten. Microsoft Outlook unterstützt sie bis heute nicht vollständig nativ.
Ökonomisch 📊 Wer den Anbieter wechseln will trägt das Reputationsrisiko wenn Dokumente beim Kunden beschädigt dargestellt werden — nicht der Plattformanbieter.
Die Folgen:
- Wechselkosten bleiben künstlich hoch.
- Europäische Anbieter scheitern nicht an Qualität — sondern an strukturellen Interoperabilitätsnachteilen.
- Dominante Plattformen stabilisieren sich nicht durch Innovation — sondern durch Lock-in.
- KI beschleunigt diese Abhängigkeit auf semantischer Ebene.
Die Lösung: Überprüfbare Interoperabilität
- Europäische Interoperabilitäts-Zertifizierung —
drei Stufen - Austrian Standards International als nationale Zertifizierungsstelle
- Öffentliche Beschaffung als strategischer Hebel
- DMA-Erweiterung um digitale Arbeitsplattformen
Weiterführende Materialien
Digitale Souveränität braucht überprüfbare Interoperabilität
Das 4future.institute analysiert die strukturellen Bedingungen, unter denen Europa politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich handlungsfähig bleibt. Dieses Papier vertieft die Interoperabilitätsdimension des Policy Brief „Digitale Souveränität in Europa“ (2025/26) — eine der zentralen und bislang unterschätzten Voraussetzungen digitaler Souveränität.
Europa hat offene Standards und Normen für digitale Zusammenarbeit. Aber offene Standards allein erzeugen keine digitale Souveränität. Das ist das Problem, das dieses Papier beschreibt — und löst.
Das strukturelle Problem
Faktische Standards entstehen durch Marktmacht, nicht durch Normen
Microsoft Office hält rund 80 % Marktanteil im Enterprise-Segment. Es gibt etablierte Standards für Kalender- und Adressbuchzugang. Microsoft unterstützt diese nicht — Outlook lässt sich dadurch nur mit erheblichen Schwierigkeiten mit fremden Servern betreiben.
Bei einem Marktanteil von 80 % wird die Implementierungspraxis des dominanten Anbieters zum faktischen Standard — unabhängig von Absicht oder Norm.
ISO-Normen schützen nicht vor Inkompatibilität
Das von Microsoft Office genutzte Dokumentenformat OOXML ist seit 2008 ISO-Norm (ISO/IEC 29500) . Microsoft hält sich selbst nicht vollständig an diese Norm — obwohl sie sie mit erheblichem Aufwand durchgesetzt hatte. Für andere Office-Hersteller ist es dadurch kaum möglich, Microsoft-Dokumente fehlerfrei zu lesen oder zu bearbeiten. Nicht einmal Microsoft selbst rendert komplexe Dokumente zwischen Desktop-, Web- und Mobilversion konsistent.
Der eigentliche Referenzstandard ist eine einzelne Softwarekonfiguration — keine Norm. Formale Offenheit führt nicht automatisch zu praktischer Interoperabilität.
Die Herausforderung für Anwender
Viele Unternehmen würden alternative Lösungen für digitale Zusammenarbeit gerne einsetzen. In der Praxis funktionieren alltägliche Dokumente — Präsentationen mit Tabellen, Dokumente mit Inhaltsverzeichnissen — zwischen Plattformen häufig nicht zuverlässig genug für einen risikofreien Wechsel.
Wenn eine Präsentation beim Kunden beschädigt dargestellt wird, entsteht ein Reputationsrisiko — nicht für den Plattformanbieter, sondern für denjenigen, der wechseln wollte.
→ Fehlende praktische Interoperabilität wird zur realen Wechselbarriere.
Die regulatorische Lücke
Der Digital Markets Act greift hier nicht
Der DMA reguliert sogenannte Gatekeeper. Microsoft Office erfüllt jeden quantitativen DMA-Schwellenwert — und wurde trotzdem nicht als Gatekeeper benannt. Die eigentliche Plattformbindung entsteht nicht durch fehlende Standards, sondern durch die erheblichen technischen und organisatorischen Wechselkosten in der Praxis.
Europa reguliert App Stores. Aber nicht die Bürosoftware, auf der große Teile seiner Wirtschaft laufen.
Was Europa jetzt braucht
Überprüfbare Interoperabilität statt formaler Standardisierung — ein System aus vier aufeinander aufbauenden Maßnahmen:
1. Europäische Zertifizierung
Drei Stufen: Standardunterstützung — vollständige Interoperabilität — verlustfreie Migration. Nicht der Anbieter wird reguliert, sondern eine überprüfbare Eigenschaft des Produkts nachgewiesen.
2. Nationaler Pilotrahmen
Austrian Standards International als Modell für einen nationalen Pilotrahmen, der auf europäischer Ebene skalierbar ist.
3. Verbindliche Beschaffungsanforderung
Die öffentliche Hand kauft ausschließlich zertifizierte Systeme. Öffentliche Beschaffung wird zum politischen Hebel.
4. DMA-Erweiterung
Interoperabilitätspflichten für digitale Arbeitsplattformen — die regulatorische Lücke, die der DMA bislang offen lässt, wird geschlossen.
Werner Illsinger ist Wirtschaftspsychologe (MBA), Unternehmensberater und Technologieexperte (HTL-Ingenieur). Nach über 18 Jahren in Führungspositionen bei Microsoft und leitender Tätigkeit in der IT-Industrie gründete er die 4future.group, um den Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft im digitalen Zeitalter aktiv mitzugestalten. An der FH Kärnten lehrt er zu den Themen Business Prozesse, Digitalisierung, Leadership und Organisationsentwicklung.
