Warum offene Standards allein nicht ausreichen. Policy Brief Nr. 2026-002 (DE), Version 2, 11/ 2026.
Kernaussagen
- Fehlende Interoperabilität ist eine reale Wechselbarriere, keine technische Detailfrage.
- Offene Standards allein erzeugen keine digitale Souveränität. Entscheidend ist, ob ihre Umsetzung überprüfbar ist.
- Microsoft Office speichert bis heute standardmäßig im Übergangsformat der ISO-Norm, das nie für neue Dokumente gedacht war. Wer zuverlässig mit Word austauschen will, braucht mehr als die Norm.
- Europa schreibt einheitliche Ladegeräte und interoperable Messenger vor, aber nicht die Austauschbarkeit der Bürosoftware, auf der seine Wirtschaft läuft.
Einordnung
Formale Standardisierung und praktische Interoperabilität sind zwei verschiedene Dinge. Europas Digitalpolitik setzt bisher vor allem auf das Erste und prüft das Zweite nicht. Das hat strukturelle Folgen für Wettbewerb, Wechselbarkeit und digitale Souveränität.
Rechtlich ⚖️
Der Digital Markets Act erfasst Microsoft als Gatekeeper für Windows und LinkedIn, nicht aber für Teams und Office. Die Teams-Zusagen von 2025 und der Data Act helfen nur teilweise: Ob ein Wechsel praktisch funktioniert, prüft bislang niemand anhand offener Tests.
Technisch 🔧
CalDAV und CardDAV sind seit fast zwei Jahrzehnten offene Standards. Microsoft Outlook unterstützt sie bis heute nicht nativ, und im neuen Outlook sind IMAP-Konten funktional eingeschränkt.
Ökonomisch 📊
Wird ein Dokument beim Kunden fehlerhaft dargestellt, trägt das Reputationsrisiko, wer den Anbieter gewechselt hat, nicht der Plattformanbieter.
Die Folgen:
- Wechselkosten bleiben hoch und wachsen mit jeder Integration.
- Europäische Anbieter scheitern oft nicht an der Qualität, sondern an strukturellen Interoperabilitätsnachteilen.
- Dominante Plattformen stabilisieren sich nicht nur durch Produktqualität, sondern auch durch Lock-in.
- KI verlagert diese Abhängigkeit auf die semantische Ebene.
Die Lösung: Überprüfbare Interoperabilität
- Eine europäische Interoperabilitäts-Zertifizierung auf Basis eines öffentlichen Testkorpus, in drei Stufen: geprüftes Basisprofil, geprüfte Interoperabilität, geprüfte Wechselfähigkeit
- Öffentliche Beschaffung als strategischer Hebel, verankert in der neuen EU-Vergabeverordnung
- Kopplung an die Souveränitätsstufen des geplanten Cloud and AI Development Act
- Ein Normungsauftrag an CEN, CENELEC und ETSI, national etwa ein Pilotprogramm mit Austrian Standards International
- Prüfung einer Erweiterung des DMA auf Büro- und Kollaborationsplattformen
Weiterführende Materialien
Werner Illsinger ist Wirtschaftspsychologe (MBA), Unternehmensberater und Technologieexperte (HTL-Ingenieur). Nach über 18 Jahren in Führungspositionen bei Microsoft und leitender Tätigkeit in der IT-Industrie gründete er die 4future.group, um den Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft im digitalen Zeitalter aktiv mitzugestalten. An der FH Kärnten lehrt er zu den Themen Business Prozesse, Digitalisierung, Leadership und Organisationsentwicklung.
