Das Congressional Budget Office (CBO) kommt in einer aktuellen Analyse (kurz CBO Papier) zum Schluss, dass steuerliche Förderungen für Wind- und Solarenergie Investitionen deutlich erhöhen, zugleich aber erhebliche fiskalische Kosten verursachen und dass der Ausbau ohne diese Anreize langsamer verlaufen würde. Diese Einschätzung ist rechnerisch korrekt – unter der Annahme eines weitgehend unveränderten, zentral und einspeisegetriebenen Energiesystems. Unsere Analyse zeigt jedoch, dass genau diese Annahme zunehmend unrealistisch wird: Solar ist heute billig, Speicher werden günstiger, lokale Erzeugung, Nutzung und Absicherung sind technisch machbar. Bewertet man erneuerbare Energie weiterhin ausschließlich aus der Logik der Einspeisung, erscheinen Subventionen unvermeidlich; denkt man Energie hingegen dezentral, mit lokaler Nutzung, Speicherung und Backup und einem Netz, das primär als Ausgleichs- und Sicherheitsinfrastruktur dient, verschieben sich Kosten, Rollen und Machtverhältnisse grundlegend. Wenn man als Dinosaurier denkt, wird man untergehen. Unsere Analyse zeigt, warum diese Aussage keine Polemik ist, sondern eine systemische Schlussfolgerung.

Analyse des CBO Papiers im Kontext dezentraler Energiearchitekturen

CBO Papier Congressional Budget Office Renewalbe Erneuerbare EndergieDas CBO Papier (Papier des US Congressional Budget Office (CBO)) zu steuerlichen Förderinstrumenten für Wind- und Solarenergie analysiert die fiskalischen Auswirkungen von Investitions- und Produktionssteuergutschriften (ITC/PTC) sowie deren Einfluss auf Investitionsentscheidungen im Energiesektor [1]. Methodisch ist die Analyse konsistent, ihr Erkenntniswert ist jedoch an eine zentrale Annahme gebunden: die Fortschreibung eines weitgehend unveränderten, einspeisezentrierten Energiesystems.

1. Statische Modellannahmen des CBO Papiers und ihre Reichweite

Das CBO bewertet die Wirkung erneuerbarer Energien primär entlang klassischer Kategorien eines zentral organisierten Stromsystems: zusätzliche installierte Leistung, zusätzliche Einspeisung in den Großhandelsmarkt und daraus resultierende Budgeteffekte [1]. Unter diesen Annahmen ist die Schlussfolgerung folgerichtig, dass staatliche Förderinstrumente Investitionen stimulieren, zugleich jedoch erhebliche fiskalische Kosten verursachen.

Diese Aussage ist jedoch keine technologische Bewertung, sondern eine systemische Fortschreibung. Sie gilt nur unter der Voraussetzung, dass sich Marktarchitektur, Rollenverteilung und Wertlogik des Stromsystems nicht grundlegend verändern.

2. Technologischer Reifegrad und Verschiebung des Engpasses

Diese Voraussetzung ist zunehmend fragwürdig. Internationale Analysen zeigen übereinstimmend, dass Solar- und Windenergie in vielen Regionen zu den kostengünstigsten Optionen für neue Erzeugungskapazitäten zählen [2][3][4]. Der technologische Reifegrad ist hoch, die Grenzkosten der Erzeugung niedrig, und Investitionsentscheidungen werden immer weniger durch Modulpreise, sondern durch Integrations- und Systemfragen bestimmt.

Damit verschiebt sich der zentrale Engpass der Energiewende: weg von der Frage der Erzeugungskosten, hin zur Frage der Systemintegration, zeitlichen Wertigkeit und Netzbelastung. Das CBO Papier bildet diese Verschiebung nicht ab, da es erneuerbare Energie weiterhin primär als Einspeisetechnologie betrachtet.

3. Einspeisung und Wertverlust bei hoher Durchdringung

Die wissenschaftliche Literatur weist seit Jahren darauf hin, dass mit wachsendem Anteil variabler erneuerbarer Energien der Marktwert eingespeister Energie sinkt („Cannibalisation Effect“) [5]. Empirisch zeigt sich dies unter anderem in der Zunahme negativer Strompreise in Phasen hoher gleichzeitiger Einspeisung.

Dieses Phänomen ist kein Marktversagen, sondern ein Signal: Nicht jede zusätzlich eingespeiste Kilowattstunde erhöht den Systemnutzen. Ein Energiesystem, das Wert weiterhin primär über Einspeisemengen definiert, erzeugt zwangsläufig Fehlanreize und steigende Stabilisierungskosten.

4. Dezentralisierung als systemische Alternative

Vor diesem Hintergrund gewinnt eine andere Energiearchitektur an Bedeutung: lokale Erzeugung, lokale Nutzung, lokale Speicherung und lokales Backup, ergänzt durch ein Netz, das primär als Ausgleichs- und Sicherheitsinfrastruktur fungiert [6].

Diese Logik ist nicht nur technisch plausibel, sondern auch institutionell verankert. Die Europäische Union hat mit der Einführung von Renewable Energy Communities und Citizen Energy Communities explizit Organisationsformen geschaffen, die Eigenverbrauch, lokale Wertschöpfung und gemeinschaftliche Verantwortung fördern [7][8]. Die wissenschaftliche Literatur beschreibt Energiegenossenschaften dabei nicht als Nischenmodell, sondern als strukturellen Bestandteil einer dezentralen Energiewende [9].

5. Resilienz und Versorgungssicherheit

Ergänzend zeigen Studien zu Microgrids, dass dezentrale, inselbetriebsfähige Energiesysteme die Resilienz gegenüber Störungen erhöhen und Blackout-Risiken lokal begrenzen können [10]. Versorgungssicherheit entsteht damit nicht mehr ausschließlich durch zentrale Redundanz, sondern durch modulare Robustheit.

Diese Aspekte – Resilienz, vermiedene Netzkosten, vermiedene Importabhängigkeiten – bleiben in einer rein fiskalischen Betrachtung zwangsläufig unsichtbar, sind jedoch strategisch hochrelevant.

6. Neubewertung der CBO Papier Ergebnisse

Vor diesem Hintergrund lässt sich das CBO-Papier neu einordnen. Es zeigt nicht, dass erneuerbare Energie grundsätzlich subventionsabhängig ist. Es zeigt vielmehr, dass ein auf zentraler Einspeisung und volumetrischem Stromverkauf beruhendes Energiesystem politisch stabilisiert werden muss, um weiter zu funktionieren [1].

7. Fazit

Die Aussagen des CBO sind korrekt – unter der Annahme eines weitgehend statischen Energiesystems. Genau diese Annahme ist jedoch zunehmend unrealistisch. Technologische Entwicklung, institutionelle Reformen und systemische Anforderungen verschieben die Logik von Energieversorgung grundlegend.

Wenn man als Dinosaurier denkt, wird man untergehen.

Nicht, weil erneuerbare Energie das bestehende System zerstört, sondern weil Organisationen und Institutionen, die an überholten Deutungsrahmen festhalten, in komplexen und dynamischen Umfeldern ihre Handlungsfähigkeit verlieren [11][12].

Nicht der Wandel ist kostspielig – sondern das Festhalten an einem Denkmodell, dessen Voraussetzungen bereits erodieren.


Endnoten

[1] Congressional Budget Office (2025): Business Tax Credits for Wind and Solar Power. Washington, DC.

[2] International Energy Agency (2024): Renewables 2024 – Analysis and forecast to 2030. Paris.

[3] International Renewable Energy Agency (2023): Renewable Power Generation Costs in 2022. Abu Dhabi.

[4] Lazard (2023): Levelized Cost of Energy+ (LCOE+) Version 16.0. New York.

[5] Hirth, L. (2013): The Market Value of Variable Renewables. Energy Economics, 38, 218–236.

[6] Brown, T., et al. (2018): Synergies of sector coupling and transmission reinforcement. Energy, 160, 720–739.

[7] Europäische Union (2018): Directive (EU) 2018/2001 (RED II).

[8] Europäische Union (2019): Directive (EU) 2019/944 on common rules for the internal market for electricity.

[9] Lowitzsch, J., et al. (2020): Energy Communities and Decentralised Energy Systems. Springer.

[10] Hirsch, A., et al. (2018): Microgrids: A review of technologies, key drivers, and outstanding issues.
Renewable and Sustainable Energy Reviews, 90, 402–411.

[11] Weick, K. E. (1995): Sensemaking in Organizations. Sage Publications.

[12] Snowden, D. J., & Boone, M. E. (2007): A Leader’s Framework for Decision Making.
Harvard Business Review.

Weiterführende Informationen

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