Die KIS-Vergabe der Charité – rationale Entscheidung, strukturelles Signal

Executive Summary

Die Entscheidung der Charité, das neue Krankenhausinformationssystem an den US-Anbieter EPIC zu vergeben, ist keine Fehlentscheidung einzelner Akteure, sondern das Ergebnis rationaler Abwägung unter bestehenden strukturellen Rahmenbedingungen.

Die Vergabe macht sichtbar, dass digitale Souveränität im europäischen Gesundheitswesen weniger an Technologie scheitert als an fehlender Plattform- und Integrationsfähigkeit auf europäischer Ebene.
Der Fall Charité ist damit weniger ein Skandal als ein Symptom – und ein relevantes Signal für die zukünftige Entwicklung digitaler Großsysteme in Europa.

1. Ausgangslage: Eine rationale Beschaffungsentscheidung

Die Charité ist eines der größten Universitätsklinika Europas. Sie ist ein Krankenhaus mit Versorgungs-, Forschungs- und Ausbildungsauftrag – kein Systemintegrator und kein Plattformentwickler.

Vor diesem Hintergrund ist die Zielsetzung der Vergabe klar:

  • Reduktion operativer Komplexität

  • Integration klinischer Prozesse aus einem Guss

  • Skalierbarkeit für Forschung, Datenanalyse und KI

  • klare Verantwortlichkeit für Betrieb und Weiterentwicklung

Die Entscheidung für EPIC folgt dieser Logik:

  • ein integriertes Plattformmodell

  • ein durchgängiger Datenkern

  • ein konsistentes Nutzer- und Prozessmodell

  • internationale Referenzen im Hochleistungsumfeld

Aus institutioneller Sicht ist diese Entscheidung nachvollziehbar und professionell

2. Was die Vergabe nicht ist

Die Entscheidung der Charité ist:

  • kein politisches Statement gegen Europa

  • kein Versagen der Krankenhaus-IT

  • kein Ausdruck mangelnden Problembewusstseins

Sie ist auch keine Absage an digitale Souveränität im normativen Sinn.
Vielmehr zeigt sie, unter welchen Bedingungen öffentliche Institutionen heute entscheiden müssen.

3. Das eigentliche Signal: Plattformfähigkeit entscheidet

Der Charité-Fall markiert eine strukturelle Verschiebung im Markt:

  • Weg von modularen, fragmentierten Systemlandschaften

  • Hin zu integrierten Plattformen mit hoher Investitions- und Innovationsfähigkeit

Digitale Großsysteme im Gesundheitswesen sind heute nicht mehr primär Softwareprojekte, sondern:

  • Datenplattformen

  • Prozessplattformen

  • Innovationsplattformen

Diese Anforderungen können derzeit vor allem Anbieter erfüllen, die:

  • über erhebliche Skaleneffekte verfügen

  • langfristig in Entwicklung investieren

  • Integration als Kernleistung anbieten

Hier entsteht eine asymmetrische Wettbewerbssituation, die nicht durch einzelne Ausschreibungen auflösbar ist.

4. Digitale Souveränität als Strukturfrage – nicht als Produktfrage

Der Fall Charité macht deutlich:

Digitale Souveränität scheitert nicht daran, dass öffentliche Einrichtungen falsch entscheiden,
sondern daran, dass ihnen kaum souveräne, skalierungsfähige Alternativen zur Verfügung stehen.

Das Problem liegt nicht bei der Auswahl eines Produkts, sondern bei:

  • fehlenden europäischen Plattformanbietern

  • fehlenden großen Systemintegratoren

  • projektorientierter statt infrastruktureller Förderung

  • institutionellen Rahmenbedingungen, die Integration erschweren

Digitale Souveränität wird so zur individuellen Last einzelner Organisationen, statt zur systemischen Aufgabe.

5. Parallelen zu anderen europäischen Großprojekten

Der Charité-Fall reiht sich ein in ein bekanntes Muster:

  • Cloud-Infrastrukturen

  • digitale Verwaltung

  • Mobilität, Energie, Bahn

  • sicherheitskritische IT-Systeme

Europa verfügt über:

  • starke Einzellösungen

  • exzellente Spezialisten

  • hohe regulatorische Kompetenz

Europa verfügt jedoch kaum über:

  • dauerhaft finanzierte Plattformbetreiber

  • wenige, verantwortliche Prime Contractors

  • institutionelle Bauherren für digitale Großsysteme

6. Einordnung: Kein Skandal – aber ein Warnsignal

Die Charité-Vergabe ist kein Anlass zur Empörung.
Sie ist jedoch ein deutliches Warnsignal, dass digitale Souveränität unter den heutigen Rahmenbedingungen strukturell unter Druck gerät.

Solange europäische Plattform- und Integrationsfähigkeit nicht systemisch aufgebaut wird, werden öffentliche Institutionen weiterhin rational jene Lösungen wählen, die Integration, Skalierung und Verantwortung bündeln – unabhängig von Herkunft oder Jurisdiktion.

7. Ausblick

Die Analyse der Charité-Vergabe sollte daher nicht bei der Bewertung einzelner Anbieter stehen bleiben.
Sie verweist auf eine grundlegende Frage europäischer Digitalpolitik:

Wie können in Europa Strukturen entstehen, die große integrierte digitale Systeme ermöglichen, ohne einzelne Institutionen zu überfordern?

Auf dieser Frage wird aufzubauen sein.