Warum Österreichs Industriestrategie und -politik an Wirkung verliert
und weshalb ihr zugrunde liegender Denkrahmen an Grenzen stößt.

Kernaussagen

  • Wir optimieren eine Welt, die es so
    nicht mehr gibt. 
  • Produzierende Industrie sichert
    Stabilität, nicht Zukunft.
  • Produktion ist kein maßgeblicher
    Faktor für Beschäftigung.
  • Wertschöpfung folgt
    Wissen, Daten und Koordination.
  • Orientierung ist zur zentralen
    Führungsaufgabe geworden.
Arbeit Orientierung unter Unsicherheit

Autoren:

em.o.Univ.Prof.Dipl.Ing.Dr.Dr.(hc) Helmut Detter
Ing. Werner Illsinger, MBA

Einordnung

Dieses Papier stellt eine einfache, aber unbequeme Frage:
Warum verliert Industriepolitik an Wirkung, obwohl sie so konsequent betrieben wird?

Statt einzelne Maßnahmen zu bewerten, richtet die Analyse den Blick auf den Denkrahmen, in dem Industrie-, Wirtschafts- und Sozialpolitik heute verhandelt werden. Sie zeigt, dass viele politische Anstrengungen nicht an mangelndem Einsatz scheitern, sondern an Annahmen über Arbeit, Wertschöpfung und Steuerbarkeit, die unter den Bedingungen von Automatisierung, Digitalisierung und gesellschaftlichem Wandel nicht mehr tragen.

Das Papier lädt dazu ein, Industrie nicht als Selbstzweck zu betrachten, sondern ihre Rolle in einer Wirtschaft neu zu bestimmen, in der Wissen, Daten, Energie und menschliche Wirksamkeit über Zukunftsfähigkeit entscheiden.
Wer verstehen will, warum klassische Antworten immer weniger greifen – und warum Orientierung zur zentralen Ressource geworden ist –, findet hier eine strukturierte Diagnose.

Übergeordnetes Thema:
Arbeit & Wirtschaft
Arbeit & Wirtschaft auf 4future.foundation

Inhalt des Papiers

  • Unsere neue Welt
    Strukturelle Verschiebungen von Arbeit, Wertschöpfung und Macht
  • Ausgangslage
    Die Welt, die wir optimieren, existiert nicht mehr
  • Industriestrategie 2035
    Implizite Annahmen, blinde Flecken und innere Widersprüche
  • Wertschöpfung jenseits der Industrie
    Wissen, Daten, Koordination und Energie als zentrale Produktionsfaktoren. 
  • Mensch, Motivation und Wirksamkeit
    Wirtschaftspsychologische und sozialpolitische Voraussetzungen von Innovationsfähigkeit.
  • Zukunftsfähige Wirtschaftspolitik
    Orientierung, Koordination und Entscheidungsfähigkeit als neue Schlüsselressourcen.

Weiterführende Materialien zur Industriestrategie 2035 der Bundesregierung

Executive Summary
Analyse der Industriestrategie 2035

Die österreichische Industriestrategie 2035 reagiert auf zentrale Herausforderungen: Wettbewerbsfähigkeit, Innovation, Standortabsicherung und geopolitische Unsicherheit. Diese Zielsetzungen sind nachvollziehbar und notwendig.

Die Industriestrategie optimiert eine Welt, die nicht mehr existiert

Das vorliegende Papier setzt genau hier an und zeigt, dass die gewählten Instrumente und Steuerungslogiken aus einer industriellen Welt stammen, deren strukturelle Voraussetzungen nicht mehr gegeben sind. Wertschöpfung entsteht heute zunehmend aus Wissen, Daten, Koordination und menschlicher Gestaltungsfähigkeit – nicht aus der weiteren Optimierung industrieller Effizienz.

Begrenzte Wirkung aufgrund struktureller Probleme

Die Analyse macht deutlich, dass die geringe Wirksamkeit industriepolitischer Maßnahmen nicht primär an fehlenden Ressourcen oder mangelnder Umsetzung liegt. Sie ist Ausdruck stabilisierter Denk-, Entscheidungs- und Machtstrukturen, die Stabilität im Bekannten sichern. Der Versuch, industrielle Steuerungslogiken mit einer wissens- und innovationsbasierten Ökonomie zu verbinden, erzeugt keinen Ausgleich, sondern blockiert notwendige Transformation.

Wenn wir weiter in Industrielogik denken, werden wir scheitern.

Industriepolitik kann unter veränderten globalen Bedingungen nicht mehr als isolierte Optimierungsaufgabe verstanden werden. Wer weiterhin auf die Instrumente und Machtlogiken des Industriezeitalters setzt, entscheidet sich nicht für Stabilität, sondern gegen Zukunftsfähigkeit. Die Konsequenzen dieses Festhaltens sind bereits sichtbar: technologische Abhängigkeiten, fragile Lieferketten, politische Blockaden, wirtschaftliche Stagnation und die Erosion demokratischer Institutionen. Die zentrale Frage ist daher nicht, wie die Industriestrategie 2035 verbessert werden kann, sondern ob Österreich bereit ist, Macht, Steuerung und Wirtschaftspolitik grundlegend neu zu denken.